Phoresie

[ Einführung ]


Eine Reihe von verschiedenen Parasitoiden, deren Eier oder Junglarven weit entfernt vom Wirt abgelegt werden, benutzen temporär einen sogenannten Transportwirt, um passiv zum eigentlichen Wirt zu gelangen. Solche phoretischen Beziehungen sind vor allem bei parasitischen Hymenopteren und Coleopteren beschrieben worden, kommen aber auch bei einigen anderen Parasitoiden vor.

Dabei können zwei verschiedene Formen von Phoresie unterschieden werden:

  • Im ersten Fall werden die Weibchen eines Parasiten von einem imaginalen, meist weiblichen Transportwirt mitgeschleppt und der Parasit befällt dann die frisch gelegten Eier seines Transportwirtes.

  • Im zweiten Falle sind es die morphologisch entsprechend adaptierten Junglarven (vom Planidium- bzw. Triungulinus-Typ), welche vom Transportwirt zum Endwirt (in der Regel die Brut des Transportwirtes) verbracht werden.


Phoresie bei den Weibchen von Eiparasiten ist vor allem bei den Zehrwespen der Familie
Scelionidae nicht selten, kommt aber vereinzelt auch bei Erzwespen vor. Das klassische Beispiel in Europa ist Mantibaria manticida, die sich in den Eikapseln der Gottesanbeterin entwickelt. Die Weibchen dieser Scelionide haften sich an der Flügelbasis einer Mantis an, und werfen dann ihre Flügel ab. Parasitenweibchen, die ein Mantis-Männchen erwischt haben, steigen während der Wirtskopula auf das Weibchen um. Bevor die Gottesanbeterin zur Ablage des ersten Eikokons schreitet, siedelt der Parasit in den Genitalbereich des Transportwirtes um, von wo aus er unverzüglich die frisch abgelegten Wirtseier parasitiert, bevor die Schutzhülle der Ootheka zu erhärten beginnt. Hernach besteigt er wieder das Mantis-Weibchen, von dessen Körpersäften er sich ernährt, bis die Mantis ihre nächsten Eigelege produziert, die gleichfalls befallen werden; eine Vergesellschaftung, die sich über Monate erstrecken kann. Auch von der zweiten, in Mantis-Eiern schmarotzenden Parasitenart, der Erzwespe Podagrion splendens (Torymidae) ist Phoresie beschrieben worden, doch haben neuere Untersuchungen diesen Befund zu Recht in Zweifel gezogen.

Phoresie von Eiparasitoiden ist auch von einigen Arten der umfangreichen Gattung Trichogramma und einzelnen anderen
Trichogrammatiden bekannt und fakultativ auch von einigen wenigen exotischen Vertretern der Encyrtidae, Eupelmidae und Eulophidae, doch bedürfen diese Fälle der Nachprüfung.

Schließlich dürfte auch bei vereinzelten
parasitoiden Dipteren Phoresie auftreten; beispielsweise bei einer tropischen Chloropide der Gattung Gaurax, deren Weibchen sich offenbar am Rücken von Webspinnen-Weibchen mittragen lassen, um ihre Eier in die Eikokons der Spinne ablegen zu können.

Phoresie von parasitoiden Junglarven ist am bekanntesten und häufigsten bei den Ölkäfern
(Meloidae), den Fächerkäfern (Rhipiphoridae) sowie bei der Erzwespenfamilie der Eucharitidae. Daneben tritt Phoresie nicht selten auch noch bei anderen parasitischen Insektengruppen auf, so bei den Buntkäfern in der Gattung Trichodes, bei Strepsipteren, bei einigen Goldwespen (Chrysididae), bei Perilampiden, Schlupfwespen (Ichneumonidae-Eucerotinae) und Trigonaliden sowie bei den Mantispiden (Neuroptera).

Da die Chancen für die meist weitab vom Wirt aus den Eiern schlüpfenden Junglarven der Schmarotzer relativ gering sind, einen Wirt zu erreichen, scheinen bei den meisten auf Phoresie angewiesenen Gruppen sehr hohe Eizahlen auf. Tausend bis 10.000 Eier je Weibchen sind hier keine Seltenheit, d.h. die Eizahlen liegen etwa um eine Zehnerpotenz höher als bei Parasitoiden, die ihre Eier oder Junglarven direkt an oder in den Wirt ablegen. Auffallend und zweckmäßig ist auch die lange Lebensdauer der Primärlarven der Parasiten, die bei den phoretischen Coleopteren meist als Triungulinus-Stadium, bei den phoretischen Hymenopteren und Dipteren hingegen als Planidium-Stadium bezeichnet werden. Die Primärlaven sind in der Regel stark sklerotisiert, um Austrocknung zu vermeiden. Sie besitzen oft lange Borsten zur Fortbewegung oder können sich mit dem HInterende am Substrat festsaugen und aufrichten, um durch kreisende, winkende Bewegungen eher Kontakt mit einem Transport- oder Endwirt zu bekommen, ein Verhalten, wie es auch von phoretischen Fadenwürmern bekannt ist.


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Last modified: 12.03.02