Die Entstehung der parasiotiden Lebensweise

[ Hymenoptera ]


Die Entstehung der parasitoiden Lebensweise

Die Entstehung des parasitoiden Lebensformentyps liegt im Dunkeln; sicher ist nur, daß bereits in der Jura-Epoche verschiedene primitive, den Orussiden, Aulaciden, Stephaniden, Megalyriden und Heloriden nahe stehende Terebrantia-Gruppen vertreten waren und daß während der Kreidezeit die meisten modernen Parasitica-Familien entstanden sein dürften. Über die Ableitung der parasitoiden von den primär-phytophagen Blatt-, Halm- und Holzwespen gehen die Meinungen aber weit auseinander. Während einige Autoren annehmen, daß sich die Parasitica von karnivor gewordenen Holzwespen (Siricoidea) oder von den Halmwespen (Cephoidea) herleiten, vertreten andere die Ansicht, daß die Terebrantia von gallenbildenden Blattwespen abzuleiten sind. Man müßte dann annehmen, daß sich solche endophytischen Symphyten zunächst zu aggressiven Inquilinen und/oder Brutschmarotzern entwickelt haben, wie wir sie heute noch etwa bei den Gasteruptiiden (Evanoidea) antreffen. Aus solchen teilweise karnivoren Stammformen wären dann räuberische bzw. ektoparasitoide und schließlich obligatorisch endoparasitisch lebende Gruppen entstanden, wie sie für die Mehrzahl der heutigen Parasitica typisch sind. Später sollten dann einige dieser Gruppen (Cynipidae, Agaonidae etc.) ganz oder teilweise wieder sekundär zur Phytophagie (oft mit Gallenbildung) zurückgekehrt sein.

Ziemlich sicher ist die parasitoide Lebensweise bei den verschiedenen Hymenopteren-Gruppen mehrfach unabhängig voneinander entwickelt worden, also polyphyletischen Ursprungs. Dies gilt nicht nur für die zu den Symphyten zählenden Orussoidea, sondern auch für die Gruppe der Parasitica (Terebrantes) deren Überfamilien (Trigonaloyoidea, Megalyroidea, Evanioidea, Stephanoidea, Ichneumonoidea, Cynipoidea, Chalcidoidea, Proctotrupoidea und Ceraphronoidea) nur teilweise näher miteinander verwandt zu sein scheinen. Demgegenüber stellen die Aculeata eine holophyletische Gruppe dar, deren Unterteilung in Suprafamilien aber ebenfalls noch im Fluß ist. Parasitoide Familien finden sich überwiegend nur bei den ursprünglicheren Aculeaten, d. h. bei den Chrysidoidea und Scoliodea, während bei den höheren Aculeaten (Formicoidea, Pompiloidea, Vespoidea, Sphecoidea und Apoidea) der parasitoide Lebensformentyp nur ausnahmsweise auftritt (nicht in Europa). Allerdings ist die systematische Stellung dieser Ausnahmegruppen (z. B. der Rhopalosomatidae) noch unklar. Die nach Kuckucksart schmarotzenden Vertreter der Wegwespen, Grabwespen und Bienen stellen, evolutionsbiologisch gesehen, einen anderen Lebensformentyp ("primärer Kleptoparasitismus") dar, der vermutlich dadurch enstanden ist, daß beispielsweise bestimmte Bienen es aufgegeben haben, eigene Nester zu bauen und sich stattdessen bei anderen, oft eng verwandten Bienenarten eingenistet haben. Es handelt sich also mehr um Nest- bzw. Brutschmarotzer und nicht um echte Parasitoide. Etwas anders gelagert ist der Fall des "sekundären Kleptoparasitismus" nach Art der Goldwespen. Hier wird das Ei des Schmarotzers in die Brutzellen nicht näher verwandter Wirte abgelegt und in der Regel die Wirtslarve abgetötet. Später können auch die Vorräte des Wirtes genutzt werden. Diese sekundär-kleptoparasitischen Formen kommen der parasitoiden Lebensweise erheblich näher und sollen deshalb als Parasitoide i.w.S. (im Gegensatz zu den primären Kleptoparasiten nach Kukkucksart) mit besprochen werden. Einen Spezialfall stellen die sogenannten "sozialen Parasiten" dar, die gehäuft bei Ameisen (Epimyrma etc.), aber auch bei Wespen (Vespula austriaca) und Hummeln (Psithyrus spp.), auftreten. Es handelt sich hier um typische Inquilinen, die ihre Brut mit Hilfe ihrer Wirte hochziehen und in der Regel keine eigene Arbeiter-Kaste mehr ausbilden. Auf ihre Besprechung soll verzichtet werden.


Weitere Informationen:

Evolution - Parasitismus

Wirtskreis

Geschlechtsbestimmung

Biologie

Zu den einzelnen Familien kommt man über:

Aculeata

Parasitica


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Last modified: 26.04.00