Sonstige Acalyptratae

[ Diptera ]


Die Lebensweise vieler der weltweit über 50 Familien umfassenden Gruppe acalyptrater Fliegen ist oft noch recht unzureichend bekannt. Ausgehend vom ursprünglichen Lebensformtyp der Saprophagen, d. h. vom Verzehr verrottender vegetabilischer Substanz, haben sich in vielen Familien kleine oder größere Gruppen gebildet, die zu anderen Ernährungsformen übergegangen sind, z. B. zur Nekrophagie an toten Tieren, Koprophagie an tierischen Exkrementen, Mycophagie an Pilzen, Phytophagie an lebenden Pflanzen, zum Kommensalismus bei sozialen Insekten oder in Vogel- oder Säugernestern sowie zur Karnivorie in Form von Räubertum (Prädatoren), echten Parasitismus an Wirbeltieren und zum Raubparasitismus als Parasitoide von Wirbellosen.

Manche Acalyptraten-Familien haben sich völlig spezialisiert, z. B.Coleopidae (Tangfliegen auf verrottendem Strandanwurf, Agromyzidae (Minierfliegen) als echte Phytophage, Braulidae (Bienenläuse) als Kommensalen von Honigbienen oder die Conopidae etc. als typische Parasitoide. In vielen anderen Familien existieren aber verschiedene Ernährungstypen nebeneinander, darunter auch vereinzelt Parasitoide aber über die Lebensweise dieser Schmarotzer ist oft wenig Sicheres bekannt. Solche Fälle von augenscheinlichem Raubparasitismus sollen im Folgenden stichwortartig zusammengefaßt werden. Die Besprechung der einzelnen Familien erfolgt dabei in alphabetischer Reihenfolge und nicht nach den oft ohnehin noch unsicheren Verwandtschaftsbeziehungen. Zunächst sollen jene Gruppen abgehandelt werden, bei denen mehr oder minder typische Parasitoide beschrieben wurden. Anschließend sollen auch jene Familien kurz gestreift werden, die teilweise als Kommensalen oder Inquilinen in den Nestern sozialer Insekten leben, für die aber eine parasitoide Lebensweise bisher nicht nachgewiesen ist, was aber nicht bedeutet, daß eine solche nicht vorkommen könnte.

  • Chamaemyiidae: Durchwegs wichtige Räuber von Blattläusen. Einzelne Arten aus Blattlausgallen gezogen sowie aus den Eikokons von Schildläusen, so daß hier bereits ein Übergang zu einer mehr seßhaften, parasitoiden Lebensweise vorliegen könnte.

  • Curtonotidae: Eine kleine mit den Ephydriden verwandte Familie meist tropischer Fliegen, von denen bisher eine Art (Curtonotum saheliense) in Afrika aus Eigelegen der Wüstenheuschrecke gezogen wurde.

  • Drosophilidae: Eine umfangreiche, speziell in Hawaii besonders artenreiche Familie, ist jedem Biologen bekannt. Einige Arten wurden aus den Eikokons von Spinnen gezogen, andere aus Schildlaus-Eiern bzw. direkt aus Cocciden, Drosophila libellulosa in Westafrika aus Eigelegen einer Libellenart bzw. Caroxenus spp. als Kommensalen von Bienen. Andere Arten fressen den Schaum von Schaumzikaden. In den meisten Fällen dürfte es sich um Räuber oder Inquilinen handeln; parasitoide Ernährung könnte in Einzelfällen vorgelegen haben.

  • Ephydridae: Von den artenreichen Salzfliegen wird Trimerina madizans in Europa und Nordamerika als Räuber oder Parasitoid in den Eikokons von sumpfbewohnenden Spinnen angegeben. Andere Arten sind aus Eigelegen von Wüstenheuschrecken ausgekommen, in Südamerika auch aus den Eiballen von Fröschen.

  • Milichiidae: Ebenfalls vereinzelte Angaben über Larven, die sich in Orthopteren-Ootheken entwickelt haben sollen. Einige Arten auch in Ameisennestern.

  • Odiniidae: Eine Art in Rußland aus Eigelegen einer Schmierlaus (Pseudococcus) gezogen. Mehrfach auch Larven in den Gängen von holzbewohnenden Käfern und Schmetterlingen gefunden, Odinia conspicua in Nordamerika angeblich aus einer Tenebrioniden-Larve in verrottendem Pappelholz gezogen. Nach anderen Angaben handelt es sich in solchen Fällen um Prädatoren von xylophagen Insektenlarven.

  • Platystomatidae: Vereinzelte Arten als Eiräuber von Heuschrecken oder als Bewohner von Bohrgängen stengel- oder holzbewohnender Insekten, vermutlich nekrophag oder räuberisch.

Als Gäste von Termiten, Ameisen, Wespen und Bienen, welche vermutlich als Kommensalen in deren Nestern leben, wurde eine Reihe von acalyptraten Fliegenfamilien nachgewiesen. Meist sind aber nur einzelne Arten betroffen.
  • Eine Ausnahme macht die Familie der Braulidae (Bienenläuse), deren Vertreter (höchstens 5 Arten, wahrscheinlich nur eine einzige Art, Braula coeca) ausschließlich bei Honigbienen leben und diese im Stock um Futter (Honig) anbetteln. Die Larven tunnelieren im Wachs der Honigzellen (nicht in den Brutzellen). Die flügellosen Imagines haften an den Arbeiterinnen oder an der Königin und nehmen Nahrung von deren Mundwerkzeugen auf.
  • Weitere Familien der Acalyptratae von denen Einmieter bei sozialen Insekten nachgewiesen wurden sind (in alphabetischer Reihenfolge):

    • Heleomyzidae (bei Wespen),

    • Helosciomyzidae (bei Ameisen),

    • Sepsidae (bei Wespen),

    • Sphaeroceridae (bei verschiedenen sozialen Aculeaten) sowie die

    • Tephritidae, von denen eine Art der Gattung Termitorioxa bei Termiten lebt.

  • Außerdem wurden vereinzelt unbekannte Fliegenlarven in Asseln (in Australien) sowie in den Köpfen der Soldaten verschiedener Termiten (in Afrika) angetroffen. In diesen Fällen dürfte es sich zumindest teilweise um Vertreter der Acalyptrata gehandelt haben, doch war eine sichere Bestimmung der parasitoiden Maden nicht möglich.
Solche Befunde zeigen aber, daß gerade in dieser umfangreichen und biologisch ungewöhnlich mannigfaltigen Fliegengruppe mit Überraschungen zu rechnen ist und daß sich auch die Zahl der parasitoiden Arten noch erhöhen wird, selbst in Europa, vor allem aber in der tropischen Fauna.

P-Online

Last modified:04.03.02