Fam.: Sciomyzidae

Hornfliegen

( Diptera )


Merkmale

Die grau, gelblich oder bräunlich gefleckten Hornfliegen sind teilweise durch ihre relativ langen, vorwärts gerichteten (hornartigen) Fühler charakterisiert. Die Flügel sind netzartig gezeichnet oder gefleckt, das Gesicht langgestreckt. Typisch ist auch ein Dornenkranz am Ende der Mitteltibien. Die mittelgroßen, 3-12 mm langen Fliegen finden sich häufig am Range von Gewässern und anderen feuchten Orten, weshalb sie im Englischen als "marsh flies" bezeichnet werden.


Verbreitung

Diese weltweit verbreitete Familie acalyptrater Dipteren umfaßt gegenwärtig etwa 600 Arten in 4 Unterfamilien, von denen etwa 80 Arten in Mitteleuropa und über 140 in der Westpaläarktis vorkommen. Ihre verwandtschaftliche Stellung zeigt Beziehungen zu den Dryomyziden sowie zu den Coelopiden, und Sepsiden.


Biologie

Die Biologie der Sciomyzidae ist erst in den letzten 30 Jahren intensiver erforscht worden. Fast alle bisher untersuchten Arten (weltweit über 200) sind mit diversen Mollusken (aus 15 Familien) vergesellschaftet, meistens mit Schnecken, seltener mit Muscheln.

  • Die Mehrzahl der Arten befällt Süßwasser-Schnecken (Lymnaeidae, Planorbidae, Physidae etc.), an denen sich die Larven räuberisch entwickeln. Die 100 - 700 Eier je Weibchen werden auf Wasser- oder Uferpflanzen abgelegt und die Larven überfallen ihre Opfer sowohl auf Wasserpflanzen als auch nahe am Wasser und töten sie rasch ab. Eine Larve kann 1 - 2 Dutzend Schnecken im Laufe ihrer Larvalentwicklung angreifen und teilweise auffressen und es können auch mehrere Larven gleichzeitig am selben Wirtsindividuum Nahrung aufnehmen.
  • Einige Arten legen ihre Eier in die Eigelege von Schnecken ab und ernähren sich von deren Embryos; wieder andere sind Aasfresser, die vor allem tote Schnecken, aber auch Asseln als Nahrung nutzen.
  • Knutsonia lineata u.a. leben von kleinen Muscheln (Sphaerium- und Pisidium-Arten), in deren Mantelhöhle sie sich einbohren, wo sie sich zunächst wie Parasiten verhalten. Später töten sie ihre Opfer ab und greifen neue Wirte an; jede Fliegenlarve konsumiert bis zu 30 Erbsenmuscheln.
  • Dyctia und Hedria-Larven sind echte Wasserbewohner, die ihre Schnecken-Wirte auch unter Wasser bzw. am Grunde seichter Gewässer suchen. Wenn sie nicht fressen, kehren sie zur Wasseroberfläche zurück, um mit ihren Hinterstigmen wieder Luft aufzunehmen.
  • Nur wenige Arten leben in Meeresnähe, wo sie sich von Prosobranchiern der Gezeitenzone, speziell von Strandschnecken (Littorina), ernähren.
  • Eine Reihe von Arten haben sich im Larvenstadium vom Leben am, auf oder im Wasser unabhängig gemacht und sind echte Landbewohner und Vertreter der Waldfauna geworden. Verbunden damit war ein Übergang zu einer weitgehend parasitoiden Lebensweise. Hierher gehören offenbar alle Sciomyzinen, einige Tetanocerinen und die einzige, bisher gezogene Salticellinen-Art. Ihre Larven besitzen keine Schwimmhaare, wie sie für die überwiegend aquatischen Tetanocerinen typisch sind.
  • Die primitiveren Sciomyzinen legen ihre Eier auf Pflanzen ab. Die relativ polyphagen Junglarven bohren sich in Landschnecken (Cochlicopa, Retinella, Discus etc.) ein und fressen sie aus. Zu ihrer Entwicklung benötigen sie mehrere Wirtsindividuen.
  • Die räuberichen Tetanocerinen sind stärker wirtsspezifisch, verbrauchen aber ebenfalls mehrere Wirte und verpuppen sich gleichfalls im Boden.
  • Höher evoluierte Sciomyzinen, wie Pherbellia spp., verbleiben als Puppen im Wirtsgehäuse und einige Arten (z. B. aus der Gattung Sciomyza bzw. Colocaea bifasciella) sind echte Solitärparasitoide geworden, die zu ihrer Entwicklung nur ein einziges Wirtstier benötigen und stets nur einzeln im bzw. am Wirt leben. Die Eier werden an die Schneckenschale abgelegt und die Verpuppung erfolgt im Gehäuse des Wirtes.
    Einige Arten (Tetanocera und Euthycera spp.) sind Prädatoren, teilweise auch Parasitoide von Nacktschnecken. Letztere haften sich als "Winkerlarven" an vorbeikommenden Wirten an und wandern durch die Mundöffnung, unter dem Mantelschild oder über die Augenstiele in den Wirtskörper ein. Sie leben in den ersten beiden Larvenstadien als Endoparasiten, verlassen aber im letzten (3.) Larvenstadium den toten Wirt und gehen nun zu einer räuberischen Lebensweise über, wobei sie dann neben Weg- und Egelschnecken auch andere Landschnecken überfallen können.
    Die Imagines mancher plurivoltiner Arten sind sehr langlebig und können auch den Winter in Verstecken überdauern. Ansonsten erfolgt die Überwinterung bei Arten mit mehreren Generationen im Jahr überwiegend im Puppenstadium. Eine Reihe von Arten sind jedoch univoltin. Sie kopulieren erst im Spätsommer und überwintern meist in Diapause im Ei oder Junglarvenstadium. Univoltine Arten dominieren vor allem im Bereich temporärer Wasseransammlungen und überdauern ein Austrocknen der Tümpel im Sommer im Imaginal-, seltener im Puppenstadium.
  • Aus dem Rahmen fällt Pelidnoptera nigripennis, ein Vertreter der aberranten Subfamilie Phaeomyinae. Diese Art wurde kürzlich in Portugal aus Tausendfüßlern der Gattung Ommatoivlus gezogen. Das Ei wird im Frühjahr an den Vorderkörper älterer (einjähriger) Wirte angeklebt und die L1 bohrt sich dann in den Wirt ein. Es wird eine Art primärer Atemtrichter gebildet, in dem die Junglarve zunächst übersommert. Erst im August-September erfolgt die Weiterentwicklung, wobei der Wirt abgetötet wird. Das Puparium überwintert innerhalb des toten Wirtes. In der Regel liegt also solitärer Endoparasitismus vor, mit Befallsraten bis zu 20 %.

Biologie

Die potentielle wirtschaftliche Bedeutung der Hornfliegen als Schneckenvertilger (einschließlich potentieller Überträger von Trematoden) hat weltweit Aufmerksamkeit gefunden und war nach 1950 Auslöser für die intensive biologische Erforschung dieser interessanten Fliegengruppe durch amerikanische Entomologen vor allem in Europa und in Nord- und Südamerika. Dabei hat sich gezeigt, daß die Sciomyzidae ein Paradebeispiel sowohl für die Adaptation ursprünglich semi-aquatischer Tiere an das Leben auf dem festen Land als auch für den Übergang von saprophag bzw. räuberisch lebenden Arten zu mehr oder minder typischen Parastoiden darstellen, selbst wenn hier noch Vieles zu erforschen bleibt.


P-Online

Last modified: 04.03.02