Evolutionslehre


Die Grundlagen der modernen Evolutionslehre wurden von Lamarck, Darwin, Mendel und Haeckel geschaffen.

Lamarck 1744 -1829

Einen wesentlichen Schritt weiter ging der französische Gelehrte Jean Baptiste Pierre Antoine de Monet, später Chevalier de Lamarck genannt. Er trat 1760 in die Armee ein und erlitt dort eine Halsverletzung, die eine Operation in Paris notwendig machte. Danach mußte er mit einer kleinen Pension ausgestattet einen neuen Beruf aufgreifen. Er versuchte Medizin zu studieren, mußte aber daneben in einem Bankhaus arbeiten. Nachdem er schon in der Armee mit Vorliebe Pflanzen gesammelt hatte, überraschte er 1778 die Fachwelt mit einem dreibändigen Werk über die Pflanzenwelt Frankreichs.

Daraufhin wurde er Mitglied der Akademie und beschäftigte sich von da an vorwiegend mit Botanik, aber auch mit Chemie und Physik, ohne je ein Experiment gemacht zu haben, und natürlich in Opposition gegen Lavoisier und die ganze moderne Richtung. 1799 bis 1810 gab er sogar jährlich einen Almanach heraus, dessen meteorologische Prophezeiungen niemals eintrafen. Nachdem er jahrelang fast mittellos gearbeitet hatte, erhielt er gegen erhebliche Widerstände eine vacante Professur über die Linné'schen Würmer und Insekten. Hier traf er mit Cuvier zusammen und stürzte sich mit großer Energie auf das neue Gebiet der Zoologie. Er schlug erstmals vor, alle Tiere mit einer Wirbelsäule zu Wirbeltieren zusammenzufassen und von den Wirbellosen abzutrennen. Diesem Vorschlag folgte Cuvier.

Lamarck führte nicht wie Cuvier eigene anatomische Untersuchungen durch. Aber er hatte einen ausgeprägten Formensinn, hervorragende Formenkenntnisse und einen Blick für die Organisation des Tier- und Pflanzenreichs. Er schuf mit seiner Typenlehre neue Einteilungskriterien des Tierreichs. Auf seinen Erkenntnissen basiert außerdem die Deszendenztheorie, mit der die Konstanz der Arten negiert und die 30 Jahre später von Darwin vervollkommnet wurde. Manche Forscher vermuteten zwar eine Abwandlung der Arten in begrenztem Umfang z.B. über Degenerationsfolgen von den höher stehenden Arten zu den niederen bzw. einfacher gebauten Tieren. Das 'System der Natur' von Linné begann beispielsweise mit dem Menschen und endete bei den einfachsten Tierformen, den Protozoen und Schwämmen. Im allgemeinen herrschte jedoch die Auffassung vor, daß die Arten in einem oder mehreren Schöpfungsakten invariabel erschaffen wurden und noch heute unverändert existierten. Demgegenüber behauptete und belegt Lamarck als erster klar und deutlich: 'daß die fast allgemein angenommene Voraussetzung, die lebenden Körper bilden durch unveränderliche Merkmale beständige verschiedene Arten, welche so alt wie die Natur selbst wären, alle Tage widerlegt werde.' Er nimmt zwar Arten an, gibt ihnen aber nur eine begrenzte Dauer, nämlich nur so lange, als die äußeren Lebensumstände sich nicht ändern. Nach seiner Ansicht spielt dabei die Gewohnheit und die Lebensweise der Tiere eine entscheidende Rolle. Aber er schreibt auch den äußeren Einflüssen und der Erblichkeit der Tiere die Wirkung zu, die allmählich eintretenden Veränderungen erblich zu fixieren. So leitet er z.B. das Angewachsensein der Vogellunge, ihre Verlängerung in große Luftsäcke und die pneumatisierten Knochen davon ab, daß die Vögel beständig ihre Lunge übermäßig stark aufbliesen, um den Körper spezifisch leichter zu machen. Seine Ansichten legt er wie folgt dar: 'Alles trägt dazu bei, meine Behauptungen zu beweisen, nämlich daß es nicht die Form des Körpers noch seiner Teile ist, welche die Gewohnheiten und die Lebensweise der Tiere bestimmt, sondern daß es im Gegenteil die Gewohnheiten, die Lebensweise und alle die anderen einwirkenden Umstände sind, welche mit der Zeit die Form des Körpers und seiner Teile gebildet haben.

Mit neuen Formen wurden dann neue Fähigkeiten erlangt und nach und nach ist die Natur dazu gelangt, die Tiere so zu bilden, wie wir sie jetzt wirklich sehen.'

Für die einfachsten Formen nahm Lamarck eine Art Urzeugung an und ließ das Tierreich von zwei Punkten, den Eingeweidewürmern und den Einzellern aus beginnen. Lamarck dachte aber nicht nur an die Form des Körpers, sondern an die Entwicklung aller Lebenserscheinungen, auch an die der Seele. Er sagt darüber ausdrücklich: 'Ich sehe in diesem künstlich angenommenen Wesen, für welches mir die Natur kein Modell darbietet, nur ein Mittel, welches man sich ausgedacht hat, die sonst nicht zu behebenden Schwierigkeiten zu lösen, so lange man die Gesetze der Natur nicht hinreichend untersucht hat'.

Im Kern besagt seine Deszendenztheorie, daß der Gebrauch oder Nichtgebrauch der Organe sie stärkt oder atrophieren läßt. Die Goethe'sche Idee von einem Urtypus, aus dem sich alle Tiere entwickelt hätten, kommt dieser Auffassung entgegen, ist jedoch zu vag formuliert und kann nur als ein Indiz für das damalige allgemeine Interesse am Ursprung des Lebens und der Lebenserscheinungen gelten.

Neben der Deszendenztheorie von Lamarck wurden damals noch andere z.T. recht merkwürdige Anschauungen über die Veränderung der Arten publiziert. Graf Keyserling schrieb z.B. 1853: 'daß Moleküle von einer eigentümlichen Constitution, welche fähig sind die Elemente der Keimung zu alterieren, sich von Zeit zu Zeit auf unserem Planeten verbreitet haben.' Einen Beweis oder Hinweis für diese Annahme konnte er natürlich nicht liefern.

Charles Darwin *1809 in Schrewsbury + 1882 in Kent

Einen vorläufigen Abschluß fanden die Anschauungen über Art, Varietät, Entstehung und Bedeutung derselben in der 1859 veröffentlichten Theorie von Charles Darwin über die Entstehung der Arten (The origin of species by means of natural selection). Darwin wurde 1809 in Schrewsbury geboren. Nach seinen naturwissenschaftlichen Studien in Edinburgh und Cambridge begleitete er von 1831-1836 den Admiral Fitzroy auf dessen zweiter Reise mit dem Forschungsschiff Beagle bis nach Feuerland. Er richtete sein Augenmerk gezielt auf alle Tatsachen, die Rückschlüsse auf die Entstehung der Arten zuließen. 1844 entwickelte er seine Theorie vom Ursprung der Arten und Rassen.

Russel Wallace

Gleichzeitig mit Darwin entwickelte Alfred Russel Wallace auf der Grundlage zoogeographischer Studien an Insekten, das Prinzip der natürlichen Zuchtwahl und seinen Einfluß auf die Entstehung der Arten.

Vergleichende Morphologie, Anatomie, Ontogenie, Paläontologie, Abstammungslehre und Zoogeographie sind heute unentbehrliche Hilfswissenschaften der zoologischen Stammbaumforschung, deren Ergebnisse wiederum im heute gültigen System ihren Niederschlag gefunden haben. Ganze Generationen an Forschern haben an daran mitgewirkt. Das natürliche System der Tiere ist praktisch ein Kondensat unserer Erkenntnisse über die Entstehung der Tiere.

Gregor Mendel 1822-1884, Böhmen

Die Evolutionstheorie erfuhr eine wesentliche Stütze durch die allmähliche Aufklärung der Vererbungsmechanismen. Ein Meilenstein auf diesem Weg war die Entdeckung der Vererbungsgesetze durch Gregor Mendel. Seine Erkenntnisse lassen sich im wesentlichen in drei Grundregeln zusammenfassen.

1. Uniformitätsgesetz

2. Spaltungsgesetz

3. Freie Kombination der Gene

Diese Gesetzmäßigkeiten im Vererbungsgang verschiedener Blütenfarben von Bohnen und Erbsen hat Mendel vor einem kleinen naturwissenschaftlichen Verein in Böhmen mitgeteilt. Sie wurden im Nachrichtenblatt dieses Vereins publiziert, wurden zunächst kaum beachtet und gerieten bald wieder in Vergessenheit. Sie wurden erst zu Beginn des 20. Jhdts. von Correns, Tschermak und de Vries wiederentdeckt und als eine allgemein gültige Vererbungsregel anerkannt.

Ernst Haeckel 1834-1919

Eine weitere wesentliche Stütze erfuhren die Ansichten Darwins durch die Arbeiten von Ernst Haeckel, der u.a. die Keimesentwicklung verschiedener Organismen studierte. Seine Entdeckungen können zusammengefaßt werden mit der Ontogenetischen Grundregel: Demnach wird bei der Keimesentwicklung (Ontogenese), die Stammesentwicklung (Phylogenese) der betreffenden Art in groben Zügen wiederholt. So kann man z.B. bei einem menschlichen Embryo in einer frühen Entwicklungsstufe Kiemenanlagen nachweisen.


Bestimmungsübungen an Vögeln und Säugern

Last modified: 10.07.02