|
Die Wiederentdeckung der Natur und der Antike in der Neuzeit |
|
|
|
Mit der Entstehung eines neuen Weltbildes, das wesentlich beeinflußt wurde von den Neuentdeckungen, der Reformation und dem Humanismus, setzte ein tiefgreifender Wandel auf allen Wissensgebieten ein. Der Humanist Conrad Gessner hat erstmals in einem umfangreichen Kompendium das zoologische Wissen seiner Zeit zusammengestellt. Am Ende der Neuzeit und zu Beginn der Aufklärung hat Marie Sybille Merian mit dem genauem Studium verschiedener Tierarten, Expeditionsreisen nach Surinam und hervorragenden Darstellungen eine neue Richtung der Zoologie eingeleitet. Conrad Gessner (1516 - 1565, Zürich = Konrad Gesner, Conradus Gesnerus)
Gessners Leben und Werk stehen inmitten des großen geistigen Ringens, welches das 16. Jahrhundert erfüllte: Reformation, Renaissance und Humanismus. Entscheidende Eindrücke empfing Gessner vom Reformator Zwingli, der ihn gefördert hat und dessen tragischer Tod ihn aufs tiefste erschüttert hat. Zwingli fand gemeinsam mit vielen Getreuen, darunter Gessners Vater den Tod auf dem Schlachtfeld bei Kappel (1531). Gessner war tiefreligiös und war an der Bewegung des Protestantismus stark beteiligt. Der Kampf des Protestantismus gegenüber dem alten Glauben bedeutete nicht nur eine Reinigung der christlichen Lehre und eine Reformation der Kirche, sondern gleichzeitig eine Befreiung des geistigen Lebens von kirchlicher Bevormundung. Im Sinne einer neuen Theologie, die in der Natur göttliche Offenbarung erkennt und erforscht, wendet sich das menschliche Interesse auch in zunehmenden Maße der belebten und unbelebten Schöpfung zu, um daraus Einsicht in Gottes Weisheit zu gewinnen. Sein umfassendes Kompendium der vierfüßigen Tiere widmet er der Königin Elisabeth von England (1560) mit dem Vorwort: 'Denn zur besseren Erkenntnis Gottes soll uns die Betrachtung aller und jeglicher Dinge des Universums führen und antreiben und fromme Gesinnung unsere Herzen zum Schöpfer erheben.' Diese zwinglianisch-calvinistische Betonung der natürlichen Offenbarung Gottes traf zusammen mit dem klassischen Humanismus. Zwinglis evangelische Glaubenseinstellung war wesentlich von den philosophischen Ideen Platos und Senecas geprägt, die von Humanisten z.B. von PICO DELLA MIRANDOLA und ERASMUS VON ROTTERDAM (1466-1536) weiterentwicklet wurde. Zwingli zweifelte nicht, daß auch Heiden wie Sokrates und Seneca zum ewigen Leben erwählt worden sind. Moses, Paulus, Plato und Seneca stehen als Zeugen bei ihm nebeneinander. Alles Wahre, Heilige, Gültige ist göttlich (DILTHEY 1914). Den geistigen Zentren des alten Glaubens, vor allem den Klöstern, die eine wichtige Rolle als Überlieferer der Vergangenheit spielten, mangelte es an Weltoffenheit und Freiheit, um naturwissenschaftlich intensiv tätig zu sein. Nach einer Analyse des Katholiken PELSENER (1960) sind unter den bedeutenden Naturforschern des 16. Jahrhunderts vier- bis sechsmal mehr Protestanten als Katholiken zu finden. Aus politischen, wirtschaftlichen und sozialen Gründen neigten autonomen Städte im 16. Jahrhundert oft dem Protestantismus zu. Sie schufen somit den notwendigen Freiraum für die Entstehung wissenschaftlicher Zentren, in denen sich die Naturwissenschaften entwickeln konnten. Hier trafen die neuen Ideen des Protestantismus und des Humanismus zusammen und wirkten als mächtiger Anreiz auf die geistige und kulturelle Entwicklung. Der Protestantismus förderte die persönliche Freiheit des Gewissens und das Interesse an der natürlichen Offenbarung der Schöpfung. Der Humanismus knüpfte unmittelbar an die klassische Antike an und begründete einen theologischen Rationalismus, der die Umwelt des Menschen als seine natürliche Lebensgrundlage miteinbezog. Dies bedingte natürlich auch eine völlig neue Sicht der Tier- und Pflanzenwelt.
Conrad Gessner wurde am 26.3.1516 als Sohn des Kürschners Ursus Gessner und seiner Frau Agathe Frick in Zürich geboren. Vielleicht wegen der besonderen Armut in der kinderreichen Familie Gessner, vielleicht auch wegen seiner sehr frühzeitigen Interessen an Pflanzen und Tieren kam der junge Conrad sehr frühzeitig zu seinem Großonkel, dem Kaplan Hans Frick in Zürich. Über seinen Großonkel schreibt er selbst: 'Dieser nahm mich als Kind von meinem Vater weg, ernährte mich immer in seinem Hause, führte mich zuweilen in seinen Garten, wo er mich alle Pflanzen lehrte.' Marie Sibylle Merian 1647-1712 Nach dem dreißigjährigen Krieg war das erste Drittel des 18. Jahrhunderts besonders reich an bedeutenden Leistungen der zoologischen Forschung. Zunächst muß hier das ikonographische Werk von Marie Sibylle Merian genannt werden. Die Tochter des bekannten Zeichners und Kupferstechers wurde 1647 in Basel geboren, heiratete 1665 den Maler Johann Graff in Nürnberg, trennte sich aber nach zwanzigjähriger Ehe wieder von ihm und ging dann von der Naturaliensammlung des Bürgermeister Witsen in Amsterdam begeistert für fünf Jahre (1696-1701) nach Surinam, um dort die Tierwelt, insbesondere Insekten zu studieren. Ihr Prachtwerk ('Der Raupen wurderbare Vermehrung und sonderbare Blumennahrung') aus den Jahren 1679 und 1680 zeichneten sich bereits durch außerordentlich detailgetreue Darstellungen und Beschreibungen aus. Ebenso ihre späteren Werke aus Südamerika, obwohl damals die Möglichkeiten der Präparation und Konservierung von Tieren noch sehr beschränkt waren. Mit ihren Darstellungen hat sie somit den ungeheuren Formenreichtum des neu entdeckten Kontinents bekannt gemacht. Sie hat die Tier- und Pflanzenwelt nicht nur in wertvollen Zeichnungen festgehalten, sondern weit darüber hinaus auch das Leben der dargestellten Tiere, insbesondere der Schmetterlinge sehr eingehend studiert. Auf ihre Studien hat sie beispielsweise die Metamorphose der Insekten und der Amphibien aufgedeckt und anschaulich dargestellt. |
|
Last
modified: |