Tierkunde des Mittelalters


An den mittelalterlichen Klosterschulen wurde für den kirchlich genehmigten Unterricht vorwiegend der sog. 'Physiologus' verwendet. Darin waren die in der Bibel genannten Tiere aufgeführt und kommentiert. An die Beschreibung der Tiere und ihren meist unzutreffenden Eigenschaften wurden vor allem in späterer Zeit moralisierende Belehrungen angehängt.

Der Physiologus war damals in verschiedenen Sprachen in nahezu allen bekannten Ländern verbreitet. Wahrscheinlich ist die Urfassung in Ägypten (Alexandria ?) entstanden. In der ältesten Form sind vor allem koptische Einflüsse nachweisbar. Im 8. Jahrhundert war dieses naturkundliche Lehrbuch in folgenden Sprachen verbreitet: koptisch, aramäisch, syrisch, griechisch, lateinisch, deutsch und slawisch.

Im Physiologus wurden neben tatsächlich existierenden Tieren noch zahlreiche Fabelwesen aufgeführt, z.B. die 'Baumgänse', die angeblich aus Früchten auf bestimmten Bäumen entstehen.

Neue Kunde von in Europa bisher unbekannten Tieren brachten vor allem die Kreuzzüge und Missionsreisen. Plano Carpinin drang z.B. 1246 bis zum Karakorum-Gebirge vor und berichtete davon brieflich einem gewissen Roger Baco.

Die bedeutenste Reise unternahmen damals die Gebrüder Polo, von denen Marco 17 Jahre lang (1275-1292) im Dienste des Großkahns verblieb und dort große Teile Innerasiens vom Schwarzen Meer bis Peking und vom Altai bis nach Sumatra kennenlernte. In den Reiseberichten werden beispielsweise sehr eingehend das Moschustier in Tibet beschrieben, außerdem Eber, Damhirsch, Reh, Bär, Tiger, Zobel, Boback (=Murmeltier), schwarze Füchse und Hasen.

Die Berichte des Marco Polo brachten allerdings auf zoologischem Gebiet wenig Bereicherung, da sie vielfach ins phantastische übertrieben sind. Nach seinen Angaben schießt z.B. das Stachelschwein seine Stacheln zur Verteidigung auf den Jäger und er berichtet von Fledermäusen so groß wie Geier. Vielfach ist heute überhaupt nicht mehr zu erkennen ist, was er wirklich gesehen hat. So berichtet er z.B. auch von hundsköpfigen, kopflosen und geschwänzten Menschen, sowie von einfüßigen Schnelläufern und Vogelmenschen oder ähnlichen Unsinn. Wegen seiner teilweise unglaublichen Geschichten und Übertreibungen wurde er in Venedig mitunter auch als 'il millione' (der Aufschneider) bezeichnet.

Damit soll die Pionierleistung der Gebrüder Polo nicht geschmälert werden. Ihre Berichte regten vor allem zu weiteren, genaueren Untersuchungen an. Außerdem wurden die Kenntnisse über die Flora und Fauna in der damals bekannten Welt wesentlich erweitert.

Außer den frühen Reisen und Expeditionen ins Morgenland ermöglichten zunehmende Kontakte mit der arabischen Welt eine Wiederentdeckung der antiken Wissenschaften. Demzufolge wurden die Arbeiten des A. wurden erst im späten Mittelalter in Mitteleuropa bekannt. Zuerst wurden Übersetzungen aus dem Arabischen ins Lateinische, der mittelalterlichen Gelehrtensprache angefertigt. Später wurde auf Betreiben des Thomas von Aquin das griechische Original direkt übersetzt. Von Michael Scotus wurde außerdem ein Kommentar von Avicenna über das Werk des A. übersetzt. Eine direkte und sehr wortgetreue Übersetzung der 'Historia animalium' hat Wilhelm von Moerbecke durchgeführt.

Gerardus von Cremona (+1187) übersetzte u. a. den Almagest des Ptolemäus und gab damit Einblicke in die naturwissenschaftlichen Schriften der Araber und damit des Altertums. Aristoteles war jedoch zu dieser Zeit in Deutschland noch nicht bekannt.

Friedrich II von Hohenstaufen 1194 - 1250

Erste Kunde über die Tiergeschichte des Aristoteles gelangte nach Mitteleuropa, als Kaiser Friedrich II den befreundeten Mönch Michael Scotus mit Übersetzungen der naturwissenschaftlichen Schriften des Stagiriten beauftragte. Ein Exemplar davon schenkte er der Universität Bologna.

F.II war Barbarossas Enkel und wuchs in Apulien unter der Obhut seiner Mutter auf. Er wurde dort von u.a. von arabischen Lehrern erzogen und sprach fließend arabisch und griechisch. Später schrieb er als Kaiser und begeisterter Falkner selbst ein umfassendes Werk: 'De arte venandi cum avibus', in dem außer der Falknerei auch eine generelle Beschreibung und Gliederung der Vogelwelt versucht wird. Dieses umfassende Werk wurde erstmals 1596 in Augsburg gedruckt.

Er forderte u. a., daß die Heilkunde, aber auch die Kenntnis der Tiere vom Verständnis des Baues der belebten Körper ausgehen muß. Er gestattete daher zuerst Sektionen am menschlichen Leichnam. Außerdem legte er Tiergärten an.

Bald geriet er, nicht zuletzt wegen seiner naturwissenschaftlichen Interessen, in ein schiefes Licht beim Papst. Er selbst und der von ihm beauftragte Übersetzer der naturwissenschaftlichen Schriften des Aristoteles wurden exkommuniziert. Der zeitgenössische Dichter Dante Alighieri läßt ihn deshalb zusammen mit Michael Scotus in der tiefsten Hölle leiden. (Divina comedia: Il inferno, 10. Gesang).

Bildung und Wissenschaften wurden im Mittelalter vor allem in den Klöstern gepflegt. Auf dem Gebiet der Zoologie haben vor allem Mönche aus dem Orden der Dominikaner bemerkenswertes geleistet. Thomas von Cantimpré (* 1186 bei Lüttich, + 1263) gilt als einer der großen Wegbereiter der Entomologie. Seine Schrift 'Bonum universalis de apibus' gilt als moralisierende Darstellung des Bienenstaates. Die 19 Bücher: 'De naturis rerum' bilden eine Enzyklopädie. 'De ornatu coeli et motum siderum' wurde als 20. Buch angefügt. In diesem Werk werden Aristoteles, Plinius und Isidor von Sevilla häufig zitiert.

Albertus Magnus (1193 o. 1207- 1280)

Ganz in der Nähe von Hohenstaufen, dem Geburtsort von Friederich II wurde in Lauingen/Donau A.M. als Graf von Bollstädt geboren. Bollstadt liegt am südlichen Riesrand nahe dem Fuß der Hohen Wann 561 m NN zwischen Hohenaltheim und Amerdingen. Nach seinen eigenen Berichten nahm er als Knabe oft an der Beizjagd teil. Er studierte in Padua und Paris freie Künste und trat anschließend in den Orden der Dominikaner ein. Lange Zeit lebte und wirkte er in Regensburg und Würzburg.

Er verfaßte ein umfassendes zoologisches Werk ‘De animalibus libri‘ mit 26 Bänden, das im Jahr 1270 abgeschlossen wurde. Im Band 23 werden 120 Vögel beschrieben. Über den Kolkraben wird z.B. berichtet, daß es sehr viele Vögel dieser Art in Augsburg gäbe, wo sie bei den Gerbereien genügend Nahrung finden (p. 55).

Einen weiteren Beitrag zur Kenntnis der mittelalterlichen Tierwelt in Mitteleuropa lieferte Konrad v. Megenburg (* 1309 in Malenburg bei Spalt/ Mittelfranken, + 1374 in Regensburg). Er wirkte als Dompfarrer und Ratsherr vorwiegend in Regensburg und wurde mit seinem 'Buch der Natur' (um 1350) weit populärer als Albertus Magnus. Seine moralisierende und mystifizierende Schreibweise bedeutete aber einen Rückschritt in der wissenschaftlichen Zoologie.


Bestimmungsübungen an Vögeln und Säugern

Last modified: 10.07.02