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Der Vogelzug |
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Viele Vogelarten verlassen regelmäßig im Spätsommer oder Herbst ihre Brutquartiere und ziehen oft erstaunlich weit nach Süden, um in den wärmeren Gebieten zu überwintern (Zugvögel). Andere Vogelarten stellen ihre Ernährung auf Vegetabilien um und verlassen das Brutgebiet nicht (Standvögel). Darüber hinaus gibt es Vögel, die nur sehr kurze Strecken zurücklegen (Strichvögel) oder solche, die nur in bestimmten Jahren, vor allem bei Übervermehrungen, Nahrungsmangel oder großer Kälte in wärmere Gebiete ziehen (Saisonvögel, z.B. Bergfinken, Seidenschwanz). Schon in der Antike gab es Spekulationen über das plötzliche Verschwinden vieler Vogelarten. Nach Meinung des Aristoteles überwintern Schwalben am Grunde der Seen, um im Frühling wieder aufzutauchen. Ferdinand v. Pernau 1702: 'Am allerwenigsten aber werde ich mich bereden lassen. daß die Gucku, wann sie zu schreyen aufhören, sich in Habichte verwandeln sollen; sondern ich halte dies für ein Gedicht wie ich deren mehr weiß so einer ersonnen oder sich eingebildet hat der der Vögel Natur gar nicht verstehet.' Die Wirklichkeit wäre im Mittelalter und zur Zeit Pernaus noch unvorstellbarer gewesen: Eine Küstenseeschwalbe zieht z.B. über 17.600 km von Grönland nach Südafrika, ein Steinwälser über 10.000 km von den Pribilof-Inseln (Aleuten/Alaska) nach Neuseeland, eine Rauchschwalbe überwindet eine Distanz von mehr als 12.000 km vom zentralasiatischen Altai-Gebirge bis nach Mozambique. Zugvögel verbinden Kontinente mit einer Leichtigkeit, die auch im Jet-Zeitalter verblüfft. Die oft verschlungenen Wege, die Vögel zwischen Brutheimat und Winterquartier zurücklegen, die Distanzen zwischen Rastplätzen, Wetter-Zufluchtstätten und Zwischenquartieren - all dies kennen wir erst, seit haltbare Fußringe verläßliche Daten liefern. Rund 6,7 Mio. Vögel erhielten von 1909 bis 1985 Ringe der Vogelwarte Helgoland - wobei ehrenamtliche Helfer den Löwenanteil der Arbeit leisteten. Circa 3,2 Millionen Ringe betrug bis 1981 die Bilanz der Vogelwarte Radolfzell, die 1947 am Bodensee als Nachfolgerin der berühmten Station Rositten auf der Kurischen Nehrung gegründet wurde. In den USA und Kanada hat man bis heute 25 Mio. Zugvögel markiert. Beeindruckende Zahlen - bescheidene Ausbeute: Lediglich etwa ein bis zwei Prozent der Ringträger wurden irgendwo wiedergefunden. Bei versteckt lebenden Kleinvögeln, wie etwa Laubsängern, Grasmücken oder Rohrsängern, sind es gar nur einige Promille. Jeder Fund markiert nur einen Punkt und hunderte sind notwendig, um Zugkarten zeichnen zu können. Trotz der geringen Wiederfundraten gibt es mittlerweile umfassende Zugvogel-Atlanten. Zugverhalten: Man unterscheidet allgemein Vogelarten, die in Schmalfronten und solche, die in breiter Front ziehen. Die Route mitteleuropäischer Weißstörche über den Bosporus, Kleinasien und Niltal nach Ost- und Südafrika ist z.B. durch viele Fundpunkte recht gut belegt. Störche, die westlich der Linie vom Lech über den Harz nach Holland geboren wurden, ziehen nach Südwesten und gelangen über Gibraltar nach Westafrika (Weststörche). Die östlich dieser Linie brütenden Störche ziehen über den Bosporus und Kleinasien nach Ostafrika (Oststörche). In zwei Zugstraßen bzw. Schmalfronten umgeht der Segelflieger Storch offenbar große Wasserflächen, die für seine Flugweise aerodynamisch ungünstig sind. Drosselarten, Star oder Grasmücken kennen dagegen keine Zugstraßen. Sie überqueren in breiter Front die Kontinente und Meere. Nordische Zugvögel ziehen meist weiter nach Süden als südliche - nicht nur weil ihr Weg naturgemäß länger ist, sie wählen auch häufig südlichere Zielorte als die Artgenossen, die in mittleren Breiten brüten. Bei Amseln und Rotkehlchen brechen im Herbst nicht alle Bewohner einer Region auf; ein Teil bleibt trotz Winterkälte heimattreu, also im Brutgebiet (Teilzieher). Die Weibchen des Buchfinken ziehen beispielsweise im Herbst nach Südwesten, die Männchen bleiben. Wer zieht und wer bleibt, ist vererbte Information. Doch gibt es Arten, bei denen vorwiegend die Jungvögel ziehen, andere bei denen die Weibchen der Kälte entfliehen und die Männchen aushalten. Selbst noch im Januar kann grimmiger Frost Bussarde, Kiebitze und andere Vogelarten, die bei erträglichen Temperaturen bleiben, zur Kälteflucht nach Süden oder Westen treiben. Signalgeber für Zugunruhe, Mauser und Fortpflanzung: Photoperiode - Innere Uhr (s. Epiphyse als Zeitgeber im Anhang). Einige Vogelarten haben das Zugverhalten verändert oder aufgegeben. Die Amsel war beispielsweise ähnlich wie die anderen Drosselarten bis zur Jahrhundertwende ein Zugvogel. In neuester Zeit ziehen viele Grasmücken in England im Herbst nicht mehr nach Süden. Möglicherweise spielt dabei eine zunehmende Erwärmung des Klimas, und/oder die Zunahme der elektrischen Beleuchtung (= künstliche Verlängerung des Tageslichts !) oder die Verbesserung des Nahrungsangebots im Winter eine Rolle. Nicht alle Zugvögel nehmen es mit dem Reisetermin genau. Kuckuck, Pirol, Mauersegler, Schwalben, Gartenrotschwanz oder Neuntöter sind 'Pedanten'; sie richten ihren Flugplan nicht nach dem Wetter, sondern verlassen Mitteleuropa zu einem ganz bestimmten Termin. Bachstelze, Singdrossel, Feldlerche und Hausrotschwanz weichen dagegen nur bei starker Kälte. Sie sind Kurzstreckenzieher und fliegen nur wenige hundert Kilometer nach Westeuropa oder in den Mittelmeerraum, um den temporär ungünstigen Witterungsbedingungen auszuweichen. Sie riskieren allerdings plötzlich von Wintereinbrüchen überrascht zu werden. Ein idealer Energielieferant bzw. Treibstoff ist Fett. Die Fettreserven der Langstreckenflieger erreichen vor dem Abflug bis zu 40% des Körpergewichts. Bei Kleinvögel enthält der Körper nur 5-15% Fettvorrat. Sie benötigen Tankstellen und Trittsteine: Oasen in der Sahara, Mündung des Guadalquivir (Donana). Problem Vogelfang - Vogelschutz. Die Aufklärung des Zugverhaltens war zunächst anhand einer peniblen, jahrzehntelangen Aufzeichnung von Ringnummern und Fundorten möglich. Heute werden in zunehmendem Maße Radarbeobachtungen z.B. im Rahmen der Flugsicherung ausgewertet. Es bestehen auch Vorhaben, den Vogelzug mit Hilfe von Minisendern per Satellit zu verfolgen. Viele Probleme des Vogelzugs sind jedoch noch ungeklärt, wie z.B. das Heimfindevermögen der Brieftauben, die eigentlich gar keine Zugvögel sind. |
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Last modified: Aug. 01, 1999 |