Orientierung bei Vögeln

Bei den meisten Arten angeboren. Erlernen und Überlieferung relativ selten: Nur bei Gänsen, Schwänen, Kranichen und einigen anderen langlebigen Arten starten im Herbst Altvögel gemeinsam mit ihren Jungen und geben damit ihre Erfahrungen über die Lage von Rastplätzen und Winterquartieren an die nächste Generation weiter.

Grasmücken, die erstmals den fast 5000 km weiten Weg in das Überwinterungsgebiet zurücklegen, fliegen beispielsweise wie viele andere kleine Zugvogelarten vorwiegend in der Nacht alleine zielsicher in das Überwinterungsquartier ihrer Artgenossen. Im nächsten Frühjahr brüten sie dann zumeist wieder an ihrem Geburtsort und sind im darauffolgenden Winter genau im gleichen Baum in Afrika anzutreffen wie im Vorjahr.

Erste Hinweise von gekäfigten Zugvögeln: Vermehrte Hüpf- und Flugaktivität zur Zugzeit. Diese æZugunruheæ tritt bei Standvögeln nicht auf.

Vor etwa dreißig Jahren Dislokationsversuche bei Staren: Albert Perdeck fing über 5000 Stare in Holland auf ihrem herbstlichen Zug vom Ostsee-Raum (Baltikum) kommend nach Nordwest-Europa und versetzte sie 650 Kilometer nach Süden in die Schweiz. Die Altvögel steuerten in die angestammten Winterquartiere in Nordfrankreich und Südengland aufgrund ihrer Erfahrung, die Jungvögel zogen dagegen unbeirrt in die einmal eingeschlagene Richtung nach Südwesten und landeten in Nordwestspanien. Jungstare besitzen demnach zwei angeborene Informationen: Richtung und Länge des Zugweges. Altvögel verfügen auch über Erfahrung und können den Zug korrigieren.

Neuere Untersuchungen von GWINNER: Messung der Flügelschläge mit Infrarotkameras entsprach bei gekäfigten, in Mitteleuropa geborenen Grasmücken während der Zugunruhe z.B. einer Distanz von 4800 km. Dies entsprach exakt der Entfernung von ihrem Geburtsort bis zur Nigermündung, wo diese Vögel überwintern. Nordische Grasmücken, die weiter nach Süden ziehen, zeigten eine stärkere 'Zugunruhe' als im Süden erbrütete, die nur kurze Distanzen zurücklegen. Bei gekreuzten Tieren nordischer und südlicher Herkunft wurde eine dementsprechend modifizierte Zugunruhe beobachtet.

Auch der Zugknick von Südwest nach Südost konnte im Labor in Übereinstimmung mit dem tatsächlichen Zugweg an gekäfigten Grasmücken nachgewiesen werden. Das ererbte Programm der handaufgezogenen Grasmücken lautete anhand der beobachteten Ergebnisse in Registrierkäfigen: Fliege acht Wochen nach Südwest, anschließend acht Wochen nach Süd-Südost.



Folgende Orientierungssysteme kommen in Betracht:


  • Wind und Wetter: An der amerikanischen Ostküste entstehen zum Ende des Sommers regelmäßig bestimmte Tiefdruckgebiete mit entsprechenden Luftbewegungen. Einige Zugvogelarten lassen sich dort von diesen Herbststürmen nach Süden treiben. Die Zugrichtung wird damit vom Wind vorgegeben. Außerdem ist dieser Zug besonders energiesparend.

  • Landmarken: Diese Orientierungshilfen kommen für Zugvögel mit angeborenen Zugverhalten, die alleine ohne erlernte Kenntnis des Weges erstmals nach Süden fliegen, nicht in Betracht, sondern nur für langlebige große Vogelarten, die den Zugweg erlernen und tradieren.

  • Sonnenstand: Kramer entdeckte vor ca. 40 Jahren an gekäfigten Staren, daß die æZugunruheæ gerichtet ist. Wenn man an den Sitzstangen Stempelfarbe aufträgt, und den Boden des Vogelkäfigs mit einem Stück Papier bedeckt, kann man nach einiger Zeit eine Häufung der Fußabdrücke an derjenigen Käfigseite erkennen, die der Zugrichtung des Vogels entspricht. Die Vögel versuchen in Zugrichtung aus dem Käfig zu fliehen. Mit Hilfe eines Spiegels, der den gekäfigten Staren einen falschen Sonnenstand vortäuschte, konnte KRAMER die Intentionen bzw. die Zugrichtungæ der gekäfigten Stare sinngemäß verändern und ablenken.

  • Polarisiertes Licht: Tauben, die gar keine Zugvögel sind, aber ebenfalls über ein hervorragendes Orientierungsvermögen verfügen, können auch bei bedecktem Himmel über viele hundert Kilometer zum heimatlichen Schlag zurückfinden. Sie können die Polarisation des Lichts und damit den Sonnenstand erkennen, wie mehrere neuere Experimente zeigten.

  • Gestirne: Viele Zugvögel wie z.B Grasmücken ziehen nachts. Sternenkompaß: Das Ehepaar Sauer führte im Jahr 1957 Versuche mit gekäfigten Grasmücken in einem Planetarium durch. Die Grasmücken konnten sich an bestimmten Sternbildern orientieren. Wiltschko und Merkel weisen jedoch vier Jahre später nach, daß Grasmücken auch im Blindflug, nachts bei bedecktem Himmel den richtigen Zugweg einhalten können.

  • Magnetkompaß: Vögel können nachweislich Magnetfelder orten und zwar nicht die Pole, sondern den Verlauf und die Stärke der Feldlinien. Somit können sie zwar nicht zwischen Nord- und Südpol aber polwärts und äquatorwärts unterscheiden. 'Inklinationskompaß'. Mit Feldspulen, die an Käfigen angebracht wurden, konnte die Zugrichtung abgelenkt werden. Tauben, bei denen am Kopf ein kleines Magnetstäbchen angebracht wurde, konnten sich weniger gut orientieren als Artgenossen mit einem gleichschweren nicht magnetisierten Metallstück. Der Magnetkompaß war lange Zeit umstritten. Im Verlauf der Erdgeschichte fand mehrfach eine Umpolung des Erdmagnetfeldes statt. (Dies spricht allerdings nicht gegen einen æInklinationskompaßæ.) Außerdem wurde bis heute kein entsprechendes Magnet-Sinnesorgan gefunden. Allerdings konnten in neuester Zeit einige magnetithaltige Zellen über dem Auge bei Tauben nachgewiesen werden.

  • Corioliskraft: Aus der Umdrehung der Erde herrührende Querbeschleunigung, polwärts abnehmend. Bisher ist kein entsprechender experimenteller Nachweis dieser Kraft als Orientierungshilfe bei Zugvögeln gelungen.

  • Infraschall: Die Brandung an den Küsten der Weltmeere oder Luftströmungen über Gebirgskämme erzeugen Infraschallwellen, die über viele hundert oder tausend Kilometer laufen und mit Meßinstrumenten nachweisbar sind. Sie könnten als Orientierungshilfe für Zugvögel und andere weitwandernde Tiere dienen.

  • Geruch: Der Geruchsinn der Vögel ist nur schwach ausgebildet. Als Orientierungshilfe haben Duftstoffe wahrscheinlich nur eine untergeordnete oder überhaupt keine Bedeutung.

Bestimmungsübungen an Vögeln und Säugern

Last modified: 20.11.02